beyerdynamic Amiron Wireless Copper

spassbefreites, ultraspießiges Klangwunder

Diese Kopfhörer klingen so gut, dass ich sie gleich zwei mal gekauft habe. Beim ersten mal habe ich sie frustriert und genervt zurück geschickt. Dann gingen mir die fantastischen Klangwelten ab in die sie mich eintauchen ließen und ich habe sie knapp einen Monat später noch einmal bestellt. Und diesmal behalten.

So viel vorab: die Amiron Wireless Copper klingen fantastisch! Zweifelsohne das beste, was ich je am Kopf hatte. Eigentlich ist das aber schon alles was man an positiven Dingen darüber sagen kann.
Naja, und in der Copper Variante, welche technisch völlig ident mit der nicht-Copper Version ist, sehen sie auch recht hübsch aus.

100EUR extra, nur um hübsch auszusehen. Naja. (Ständer= Eigenbau)

Der Klang

In der Einleitung habe ich ja bereits das absolute Superlativ bemüht, dem kann ich wenig hinzufügen. Zwei besondere Beobachtungen habe ich damit gemacht: ich habe hier eine Kammermusik-Version von Pachelbels “Canon in D”. Gleich zu Beginn, nach dem Cembalo das den Rhytmus spielt, setzt eine einzelne Violine mit der Haupt-Melodie ein. Ich habe dieses Stück bestimmt 50mal gehört, kenne es in und auswendig. Mit dem Amiron habe ich plötzlich Feinheiten des Violinstriches gehört, die mir völlig neu waren. Konkret, wie jedes einzelne Rosshaar des Bogens über die Saite streicht. Ich war so überrascht, dass ich das mit diversen anderen Headsets zum Vergleich gehört habe und tatsächlich: mit jedem anderen Hörer gleichen diese ersten Töne eher dem sterilen Piepsen eines Sinusgenerators, als einer Violine.

Die zweite Beobachtung: ich höre ja eigentlich zu 99% nur Podcasts. Gut produzierte Podcasts, wo alle Sprecher direkt in hochwertige Studio-Headsets sprechen. Mit dem Amiron höre ich plötzlich den Raum in dem die Sprecher sind. Wie groß er ist, wie er klingt. Eine ganz neue Erfahrung.

Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit guter Musikwiedergabe und es ist eigentlich immer so, dass es praktisch nichts gibt, was man mit einer teuren Anlage hört und mit einer billigen nicht (Tiefbass ausgenommen). Alles ist da, alles ist hörbar. Die Unterschiede spielen sich woanders ab. Der Amiron ist eines der ersten Hör-Erlebnisse, wo ich wirklich Dinge höre, dich ich mit anderen Headsets – auch im Bewußtsein, dass sie da sind – nicht höre. Das ist schon ein Kracher.

Die MIY App – Eine Brille für die Ohren

Nun die große Einschränkung: der gute Klang des Amiron ist die eine Sache. Die andere ist die Aufwertung die er durch die MIY (“make it yours”) App erfährt. Diese bietet einen Hörtest an, mit dem man das Headset auf sein individuelles Hörvermögen anpassen kann. Dabei wird – so liest man im Netz, beyerdynamic selbst äußert sich dazu nicht – nicht etwa nur ein Equalizer rauf und runter getuned, sondern, so die Vermutung, mit einer Art Kompression gearbeitet. Ersteres wäre nicht nur unzureichend, sondern hätte angeblich auch den Nachteil, dass es etwaige Hörschwächen auf Dauer noch verstärkt.
Diese App erzeugt nun also Korrekturwerte und speichert diese direkt im Hörer, so dass sie auch angewandt werden, wenn man über ein anderes Gerät zuspielt. Die Intensität der Anpassung lässt sich stufenlos einstellen. Warum ich all das eingangs als Einschränkung bezeichne ist, weil die beschriebenen tollen Hör-Erlebnisse tatsächlich – zumindest für mich, 48 Jahre alt und einen handelsüblichen “Lärm-Schaden”, also eine Senke bei 4kHz – zu einem großen Teil an der App liegen. Ohne App klingt er immer noch besser als alles andere, jedoch hätte er niemals seine zahlreichen Unzulänglichkeiten, zu denen ich gleich komme, damit wett gemacht.
Tatsächlich habe ich mich um Alternativen umgesehen. Der Audio-Technica ATH-M50 XBT2 zum Beispiel speichert ebenfalls Korrekturkurven im Gerät, jedoch nur via klassischem Equalizer einzustellen.

Daher die Bezeichnung “Brille für die Ohren”. Ich schreibe die beschriebenen Hör-Erlebnisse zu 90% der App zu, nur zu 10% dem Amiron. Wenn ich schlecht sehe, benötige ich eine Brille die das korrigiert. Das ist die MIY App. Der Amiron ist lediglich das optisch hochwertige, dreifach entspiegelte Brillenglas.

Abschließend noch die Feststellung, dass die App bei mir, auf chinesischem Android, tadellos läuft. Viele Reviewer beklagen sich über Abstürze. Entweder das ist nur ein iOS Problem, oder man hat es zwischenzeitlich in den Griff bekommen.

Gehäuse, Verarbeitung, Ergonomie

Ich schreibe weiter oben, dass die Copper Version hübsch ist. Das ist besonders bemerkenswert, denn das macht ihn zum einzigen Produkt im Portfolio von beyerdynamik, das nicht aussieht wie ein orthopädischer Behelf aus den Siebzigern.

Die Verarbeitung ist im Grunde makellos. Schlecht ist die Größenverstellung: relativ schwergängig und die Kostruktion ist dieselbe die bd seit Jahrzehnten bei ihren Studiokopfhörern verbaut und ebensolange dafür bekannt ist, dass sie gerne kaputt wird. So sehr, dass man im Netz 3rd Party Ersatzteile kaufen kann und auf Thingiverse findet man Vorlagen zur Eigenproduktion mit dem häuslichen 3D Drucker.

Der einzige Knopf am Gerät, welcher dem Ein- Ausschalten und dem Pairing dient, ist eine Beleidigung für die Sinne. Ein Druckpunkt der den Namen nicht verdient und ertastbar ist er lediglich als Unebenheit im Gehäuse, eher zufällig als gewollt.
Erstaunlich und positiv: eine USB-C Buchse zum Laden. Bei dem sonstigen Eindruck hätte mich weder micro- noch mini-USB gewundert.

Ein kleiner positiver Aspekt: der Hörer passt auch dann noch in das (gigantische!) Case, wenn er auf meine Kopfgröße, also links und rechts je 5 Raster, ausgefahren ist.
Um 90° verdrehen lassen sich die Hörmuscheln natürlich nicht. Bei dieser Größe wäre das vermutlich auch wirklich sinnfrei.

Der Halt am Kopf ist ok. Dafür, wie streng er zusammendrückt, jedoch nicht überragend. Ein Grund dafür sind die völlig indiskutablen Ohrpolster. Ok, ich bevorzuge ohnehin ovale Polster, jedoch gibt es auch runde solche, die sich um die Ohren bündig an den Kopf legen. Diese jedoch fühlen sich so an, als hätte man ein starres Stück rundes Hartgummi, welches an einigen wenigen Stellen rund ums Ohr aufliegt.

Immer wieder gibt es Knackser die sich bei Kopfbewegungen vom Bügel übers Gehäuse ins Ohr übertragen. Das kenne ich sonst nur von billigen Plastik-Headsets.

Der Frust den man hier bereits rausliest fußt darauf, dass es keinen ersichtlichen Grund für all das gibt. Es dient nicht der Langlebigkeit, nicht dem Komfort, nicht der Optik und erst recht nicht dem Preis. Es erscheint mir einfach so, als ob es beyerdynamik egal ist. Ich stelle mir vor, dass dort im Produkt-Design ein einzelner Typ sitzt, Kriegsveteran mit Kündigungsschutz der nicht in Pension gehen will und der keinen Grund darin sieht, die Dinge heute anders zu bauen als 1950. Die Teile werden im Soundlabor entwickelt, bis sie gut klingen und dann darf Opi unten im Keller ein Gehäuse drum herum schustern.

Die Bedienung

Eine kleine positive Meldung: Touch-Bedienung ist für mich eigentlich ein völliges, kategorisches no-go. Das Nicht-Funktionieren bei anderen Kopfhörern ist so umfassend, dass es den Rahmen hier sprengen würde. Diese hier funktioniert tatsächlich perfekt! Nicht, dass ich ordentlichen Tastern nicht sofort den Vorzug gäbe, aber immerhin, es vermiest die User Experience nicht.

das Touch Feld

Die User Experience wird hingegen gleich beim Einschalten nachhaltig getrübt. Es beginnt mit dem Drücken dieses unsäglichen Tasters. Dieser dient zwar ohnehin nur dem Ein- Ausschalten, trotzdem muß man ihn drei (drei!!) Sekunden drücken um auch wirklich seine Absicht zu bekunden, dass man ihn absichtlich betätigt. Als würde man dort jemals unabsichtlich ankommen.

Haptisch, wie timing-technisch, wie funktional der schlimmste Spaß-Killer am Amiron: der Ein/Aus Taster

Sodann begrüßt einen eine Stimme, welche in etwa so high fidel klingt, wie der Sound aus einem Commodore C64. Kein Witz, diese Sprachansagen sind so dermassen komprimiert, übersteuert und kratzig, dass man sich fragt, was die bei beyerdynamik rauchen, dass die so etwas auf den Markt werfen, zumal für 700EUR. Ich habe einige Kopfhörer um unter 100EUR die dergleichen vergleichsweise audiophil ins Ohr hauchen.

Zuerst die Amiron, dann die Bose QC35. Nein! die Amiron sind nicht übersteuert aufgenommen – das klingt wirklich so.

Natürlich muss man sich auch für das Ausschalten ausgibig Zeit nehmen und eine gefühlte Ewigkeit diesen Knopf gegen einen undefinierten Widerstand quetschen, auf dass einen eine Stimme in 8 Bit Sound endlich erlöst und bestätigt, dass nun Schluss ist.
Man kann dieses Krächzen auch via App abstellen, jedoch gibt es dann überhaupt keine Rückmeldung, dass der Hörer ausgeschaltet ist. Bei dem Druckpunkt und der Dauer ist das ein nicht zu unterschätzendes Problem.

Wie schon beim vorigen Kapitel frage ich mich auch hier, was die Produktmanager bei bd den ganzen Tag tun. Die beschrieben Dummheiten wären irgendwie verzeihlich bei dem Produkt eines Startups in der ersten Version, aber beyerdynamik macht seit 1937 nichts anderes als Kopfhörer. Es ist mir unbegreiflich.
Auch hier drängt sich der Verdacht auf, dass solche Kinkerlitzchen wie “Benutzerfreundlichkeit” keinerlei Stellenwert haben. Ich sehe vor meinem geistigen Auge eine Horde stocksteifer, hochbegabter Klangingenieure denen nicht einmal im Keller ein Lacher auskommt und die auf so etwas wie Designer nur verächtlich herab blicken. Und dabei kommt einem dieser Eindruck bereits beim Amiron, welcher im Vergleich zu deren sonstigen Produkten nachgerade hip und modern ist. Die Volumensprodukte wie zB. der DT-297-PV/80 MKII sind diesbezüglich noch einmal eine Kategorie weiter am Kunden und am technischen Fortschritt vorbeikonstruiert. Himmel, wie spaßbefreit muss es in einer Firma zugehen, die solche Produkte produziert? Aber was rede ich – der Erfolg gibt ihnen nachhaltig recht.

Der Mitbewerb

ich bin überzeugt davon, dass die größte, wenn nicht gar einzige USP des Amiron die MIY App ist. Diese stammt meines Wissens jedoch nicht von beyerdynamic selbst, kann also jederzeit vom Mitbewerb übernommen, oder kopiert werden. Die für MIY nötige DSP-Power ist ganz sicher auch in günstigen Hörern zu bewerkstelligen. Der “Amiron home” zum Beispiel, also ohne Bluetooth und ohne diesem DSP, kostet nur 90EUR weniger. So bald also irgendeine Firma, die mit ihrem Mindset im Jahr 2000 angekommen ist, diese “Brille für die Ohren” anbietet, spricht kaum mehr etwas für die Investition in den Amiron.

Sonstiges

Wer hier Noise Cancellation vermisst, der hat etwas grundlegend nicht verstanden. Weder Größe, noch Gewicht machen dieses Teil zu einem Reisekopfhörer. (diesbezgl. sei angemerkt, dass die Fotos oben mit dem QC35 Case nur der Einordnung dienen – sie sind keine Kritik an der Größe)

Ich habe hie und da Aussetzer der Bluetooth Verbindung. Das kenne ich von ein, zwei anderen Hörern welche aptX verwenden (Sennheiser und B&O). Bisher war es jedoch so selten, dass es erträglich ist. Es fällt jedoch deutlich auf, da BT ansonsten eine unglaublich stabile, tolle Sache ist, mit geradezu absurden Reichweiten selbst der billigsten Hörer. Ich vermute halt mal, dass aptX so viel mehr Daten überträgt, dass es empfindlicher ist.

Viele Reviewer bekritteln, dass man Firmware Updates nur über den PC und das USB Kabel machen kann, nicht über das Handy mit Bluetooth. Da muss ich ehrlich sagen: das ist mir herzlich egal. Spannend jedoch, dass die PC App so aussieht, als wäre sie ursprünglich für mobile Geräte gemacht.

Verdict

Man muss wirklich nicht sehr aufmerksam lesen um zu erkennen, dass ich wenig begeistert vom Amiron Wireless Copper bin. Immerhin, es ist ein KopfHÖRER. Und das Hören ist hier über wirklich jeden Zweifel erhaben. Wer Musik in der besten Qualität, die kabellos für Geld und gute Worte möglich ist, hören will, der kommt an diesem Headset nicht vorbei. Wenn er Glück hat und nicht so pedantisch ist wie ich, hat er sogar gute Chancen, damit glücklich zu werden. Wer so drauf ist wie ich, bei dem beschränkt sich das Glücklichsein halt auf die Zeit zwischen dem Ein- und dem Ausschalten, wo ein Großteil der Unzulänglichkeiten hinfällig ist.

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